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Federico Chiesa (blaues Trikot) bei seinem wunderbaren Treffer im Halbfinale gegen Spanien. (Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Frank Augstein)
DFB TEAM AKTUELL

Die Hoffnung auf den Lerneffekt

08.07.21 10:07

Die beiden Halbfinals der EM boten noch einmal gratis Anschauungsunterricht für die deutsche Nationalmannschaft. Was Bald-Bundestrainer Hansi Flick davon übernehmen könnte...

Die beiden EM-Halbfinals haben noch einmal schonungslos gezeigt, was der deutschen Mannschaft bei dieser EM alles gefehlt hat. Immerhin bekam der neue Bundestrainer Hansi Flick auch jede Menge Denkanstöße geliefert.

  • Dänemarks Leidenschaft und Teamgeist waren absolut stilprägend

  • Das Positionsspiel der Spanier sollte wieder Vorbild für die deutsche Mannschaft sein

  • Italiens Transformation kann auch Deutschland gelingen

Was Deutschland von den besten Teams der EM lernen kann

Ob Hansi Flick die beiden Halbfinals der Europameisterschaft zu Hause auf der Couch geschaut hat, ist leider nicht überliefert. Die Wahrscheinlichkeit, dass der zukünftige Bundestrainer aber mal einen oder mehrere Blicke riskiert hat, dürfte sehr hoch gewesen sein. Und was Flick da von Italienern, Spaniern, Engländern, Dänen (vermutlich) zu sehen bekam, war teilweise unglaublich beeindruckend.

State of the art waren die beiden Semifinal-Spiele auf ihre ganz eigene Weise, das Beste vom Besten des Weltfußballs - der am anderen Ende des Globus übrigens aktuell auch mit der spektakulärsten aller Paarungen aufwartet: Im Finale der Copa America treffen nur wenige Stunden vor dem EM-Finale Argentinien und Brasilien aufeinander.

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Dänemarks echte Leidenschaft und Opferbereitschaft

Flick wird sich vermutlich auch dieses Spiel, vielleicht auch zeitversetzt, anschauen und ein bisschen durchanalysieren. Es gibt ja jede Menge zu tun für den Nachfolger von Joachim Löw, die Lücke des deutschen Fußballs zur Spitzengruppe ist durch die Europameisterschaft jedenfalls nicht kleiner geworden. Wie praktisch also, dass Flick und sein neues Trainerteam kostenlosen Anschauungsunterricht bekommen und sich schon bei den EM-Halbfinals von jeder Mannschaft vielleicht eine prägnante Stärke mal genauer beleuchten sollten.

Schließlich lieferte das Quartett jede Menge Input für den Werkzeugkasten, den Flick schon bald neu befüllen oder auffrischen muss. Die Dänen zum Beispiel entwickelten aus einem unglaublichen Schicksalsschlag einen Verve und eine Energie, die ihresgleichen suchte bei diesem Turnier. Der Teamgeist der Mannschaft ist längst legendär, Erinnerungen an die 92er EM-Sieger lagen förmlich auf der Hand. Was Dänemark aber schon weit vor den Engländern oder Spaniern schaffte - die dies erst mit den einsetzenden Erfolgen so transportieren konnten - war diese totale Verschmelzung mit ihren Fans und im Grunde mit einem ganzen Land.

Man darf den deutschen Nationalspielern schon glauben, die immer wieder die ordentliche bis gute Stimmung innerhalb der Truppe lobten. Nur kam davon bei den Fans da draußen mit der einen Ausnahme nach dem Portugal-Spiel so gut wie gar nichts an. Das Image der deutschen Mannschaft blieb auch bei diesem Turnier wie aus Plastik, ein paar aufgesetzte Marketing-Gags oder Instagram-Schnipsel von Thomas Müller konnten dieses Bild nicht kaschieren. Das Leid, die Freude, die Opferbereitschaft der Dänen aber: Daran war nichts gekünstelt oder aufgesetzt. Das war echt. Wie weit diese Komponenten eine fußballerisch und individuell nicht eben herausragend besetzte Mannschaft bringen können, haben die Dänen bewiesen.

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Englands Defensivstärke und die Standards

Die Engländer verlassen sich nun seit sechs Spielen auf ihre hervorragende Defensive und es ist schwer anzunehmen, dass sie auch das Finale gegen die Italiener eher abwartend beginnen werden. Gareth Southgate setzt mit seiner Mannschaft das um, was eigentlich die deutsche Mannschaft umsetzen wollte. Thomas Müller hat das in seiner Kritik an der Spielausrichtung nochmals aufgegriffen und dann auch gleich den Finger in die Wunde gelegt: Wenn man schon reaktiv spielen will, dann sollte das Fundament nicht bröckeln, oder anders formuliert: Ein defensiver Ansatz löst sich genau dann in Luft auf, wenn die Mannschaft trotzdem in jedem Spiel mindestens ein Gegentor kassiert.

Von den Engländern lernen heißt bei diesem Turnier verteidigen lernen. Und weil auch die beim DFB groß angekündigte Standard-Offensive floppte, die Three Lions aber bei gefühlt jeder Ecke, jedem Freistoß und jedem weiten Einwurf in den gegnerischen Strafraum eine ungeheure Gefahr ausstrahlen, während Dänemark mit seinem extra engagierten Standard-Trainer eine schöne (und zum Teil erfolgreiche) Variante nach der anderen spielte, heißt es auch hier aus deutscher Sicht: Daran darf man sich gerne ein Beispiel nehmen.

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Die Spanier und ihr Positionsspiel als Vorbild

Löw hatte vor drei Jahren den Ballbesitz- und Positionsspiel ein bisschen den Rücken gekehrt und den Umschaltfußball ausgerufen, das große Vorbild sollte Weltmeister Frankreich sein. Und tatsächlich gibt es auch in Deutschland nahezu perfekte Konterspieler: Timo Werner, Leroy Sane, Serge Gnabry, auch Kai Havertz. Nur passen eben die Mannschaftsteile und die Besetzung der jeweiligen Positionen dahinter nicht zu diesem Konstrukt - und das angebliche Rollenmodell hat sich durch die vier Halbfinalisten auch schon wieder etwas überholt.

Dänen, Italiener und Spanier rauschten mit honen Ballbesitzquoten ins die Vorschlussrunde, da waren Frankreichs Spieler und die der deutschen schon längst im Urlaub. Die Spanier zeigten einmal mehr, dass der Ballbesitzfußball alles andere als tot ist, sondern vielmehr eine Frage der Einstellung ist: Es gehört einfach zur spanischen DNA, den Gegner mit Passen und Freilaufen zu sezieren. Deutschland hatte sich unter Löw auch in diese Richtung entwickelt und war irgendwann besser als das Original. Nur um dann wieder eine Kehrtwende hinzulegen. Spaniens Positionsspiel bei der EM war exorbitant gut, diesen Eindruck kann auch das unglückliche Aus im Halbfinale nicht zerstören.

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Italiens Metamorphose taugt als Rollenmodell

Und dann sind da ja noch die Italiener. Eine Mannschaft ohne erkennbare Schwächen, weder individuell noch strukturell. Die Italiener konnten bisher alles: Angreifen, den Ball haben, umschalten, leiden, auch mal ein bisschen dreckig und zynisch spielen. Sie haben Rückschläge kassiert und einen ihrer wertvollsten Spieler verloren und trotzdem alles überwunden. Mit ihrer Art zu spielen, nahe dran an der höchsten Konzentration bei gleichzeitig erfrischender Lockerheit, haben sie bisher genau den Mittelweg gefunden, den die meisten anderen Mannschaften während eines Turnier nie finden.

Ungeachtet der fabelhaften Leistung, die Trainer Roberto Mancini inhaltlich in den letzten rund drei Jahren geleistet hat, hat es Italien geschafft, als Team der Herzen ins Finale einzuziehen und den Großteil der Fans weltweit für sich zu begeistern. Für eine Fußball-Nation, die sich traditionell immer nur über Ergebnisse definiert hat und damit der deutschen fast seelenverwandt scheint, ist das ein Meilenstein. Denn so wichtig und zeitlos ein EM-Triumph auch wäre: Es geht ja immer auch um das Wie, um eine Identität. Die hat sich Italien wieder erarbeitet. Der deutschen Mannschaft steht diese Aufgabe nun erst bevor.