Wir sind die Fans
Ralf Rangnick war selbst als möglicher Bundestrainer im Gespräch. (Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas)
DFB TEAM AKTUELL

Ralf Rangnick über DFB-Zukunft: "Bundestrainer sollte ein Fulltime-Job sein"

08.07.21 12:07

Taktische und personelle Ungereimtheiten waren für Ralf Rangnick der Grund des deutschen EM-Scheiterns. Für Hansi Flick gehe es nun auch um die Verbesserung struktureller Dinge.

Ein analytischer Blick nach hinten, ein Appell beim Blick in die Zukunft: Ralf Rangnick hat nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der EM klare Schlüsse gezogen.

  • Ralf Rangnick macht das deutsche EM-Aus auch an taktischen und personellen Entscheidungen fest

  • Für die Zukunft brauche es eine gemeinsame "Spielidee" von den U-Mannschaften bis zum DFB-Team

  • Der neue Bundestrainer Hansi Flick müsse mit alten Gepflogenheiten brechen

Ralf Rangnick: Beraterfirma statt Trainerposten

An Angeboten hat es Ralf Rangnick in den vergangenen Monaten nicht gemangelt. Der 63-Jährige wurde als Neuaufbaumeister bei Schalke gehandelt, stand kurz vor einem Engagement beim AC Milan und war sogar als möglicher Nachfolger von Joachim Löw im Gespräch.

Am Ende kam alles überraschend anders: Rangnick, ehemals Coach unter anderem bei Schalke, Hoffenheim, Leipzig und der Macher hinter Red Bulls Fußballimperium, gründete eine Beraterfirma für Klubs, Manager, Trainer sowie Spieler und wird in diesem Zusammenhang für seinen Klienten Lokomotive Moskau in Zukunft als "Leiter Sport und Entwicklung" tätig sein.

"Taktische Grundordnungen sind nur ein Vehikel"

Auch die sich dem Ende neigende Europameisterschaft hat der Fußballprofessor, wie Rangnick gerne tituliert wird, intensiv verfolgt und in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" Kritik an der im Achtelfinale ausgeschiedenen deutschen Nationalmannschaft geübt. "Bei unserer Mannschaft sah alles wie irgendein zusammengewürfelter Mix aus, damit gewisse Spieler auf dem Platz stehen konnten. Aber das ergab nichts stimmiges Ganzes", befand Rangnick.

Mit Röhl und Sorg, ohne Köpke: Das ist Hansi Flicks Trainerteam

Dass die DFB-Elf mit der schon während des Turniers hinterfragten Dreier- bzw. Fünferkette in der Defensive agierte, habe ihn "überrascht", so der 63-Jährige: "Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, ein 3-4-3 bei der Nationalelf zu praktizieren, wenn das die wenigsten Spieler aus ihrem Verein gewohnt sind." Dieses System stimmig spielen zu können "erfordert extrem viel Feintuning im Training. Es entstand bei uns nie der Eindruck, dass wir als Gruppe so stabil verteidigen konnten, um kein Gegentor zu kassieren."

Zu diesen fehlenden Feinheiten in der taktischen Ausrichtung gesellte sich noch ein weiterer entscheidender Punkt: "Ich sage seit Jahrzehnten: Taktische Grundordnungen sind nur ein Vehikel, und sie müssen immer zum Spielermaterial passen. Auf dem Niveau einer EM sollten möglichst alle elf Spieler auf ihrer 1a-Position auflaufen. Das war bei der deutschen Elf sicher nicht der Fall." Als Beispiele nannte Rangnick neben Thomas Müller, der als Teil eines Dreierangriffs seiner Stärken beraubt worden sei, vor allem Joshua Kimmich: "Klar war er auch schon mal rechter Verteidiger, aber immer in einer Viererkette. Rechte Außenbahn in einem Dreier-/Fünferkettenmuster - Julian Nagelsmann nennt diese Position 'Joker' - das hatte Jo meines Wissens so noch nie gespielt. Er sollte nicht außen von Eckfahne zu Eckfahne rauf und runter rennen."

Diese Veränderungen erwartet Ralf Rangnick von Hansi Flick

Für die "logische, gute Wahl" Hansi Flick, der im August das DFB-Team als neuer Bundestrainer übernehmen und Löw nach 15 Jahren im Amt ablösen wird, gehe es nun darum, eine "Schlüsselfrage" zu klären: "Wofür will der deutsche Fußball stehen? Wie lautet eine Spielidee, möglichst auch für alle U-Mannschaften?"

Vom Sextuple-Coach des FC Bayern fordert Rangnick zudem eine neue Herangehensweise an den Job des Nationalcoaches: "Ein Bundestrainer sollte nicht nur am Samstag Stadien besuchen, er sollte täglich Präsenz bei Vereinen zeigen." Das sei keinesfalls als Kritik an Löw zu verstehen sein, wie Rangnick versicherte, "denn das wurde in den letzten 60 Jahren einfach noch nie so praktiziert. Aber dieses 'Das-war-doch-schon-immer-so-Denken', das ist ein Fehler. Wenn wir über Verbesserungen reden, müssen wir solche Dinge angehen."

Es gehe darum, im Zuge des Neuanfangs unter Flick und der Umgestaltung der DFB-Führung "strukturelle Dinge zu verbessern". Rangnicks Wunsch: "Bundestrainer sollte ein Fulltime-Job sein: Jeden Tag zehn Stunden zur Verfügung stehen, jede Woche einen anderen Klub besuchen. Dort kannst du dich intensiv mit den Trainern austauschen, Trainingsinhalte kennenlernen und auch frühzeitig neue Talente entdecken. Wenn der Bundestrainer unser Fußball-Kanzler ist, sollte er entsprechend Präsenz zeigen."