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England hat das Finale der EURO 2020 im Elfmeterschießen verloren. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Carl Recine)
EM 2021 Aktuell

Das Drama vom Punkt – Englands Leiden geht weiter

11.07.21 23:07

England verliert mal wieder ein wichtiges Elfmeterschießen – vielleicht sogar das wichtigste überhaupt. Gareth Southgate steht erneut im Mittelpunkt. Es gibt Fragen.

Schlimmer hätte es für England nicht kommen können. Das Trauma Elfmeterschießen schlägt im Finale der EURO 2020 voll durch. Trainer Gareth Southgate muss sich Fragen gefallen lassen.

  • England verliert EM-Finale im Elfmeterschießen

  • Die extra dafür eingewechselten Rashford und Sancho scheitern

  • Warum schickt Southgate einen 19-Jährigen zum letzten Elfmeter?

Das Drama vom Punkt – Englands Leiden geht weiter

Wembley. Mythos und Sehnsuchtsort des englischen Fußballs. Stätte des einzigen Triumphs einer englischen Nationalmannschaft bei einem großen Turnier, 1966 wurden die Three Lions hier Weltmeister. Aber auch Ort einer der bittersten Niederlage in der Geschichte des englischen Fußballs.

1996 scheiterte die hoffnungsvolle englische Mannschaft bei der Heim-EM im Halbfinale gegen Deutschland im Elfmeterschießen. Den entscheidenden Elfmeter auf englischer Seite verschoss bekanntlich Gareth Southgate. Die Geschichte wurde vor und während des Turniers oft genug erzählt.

Sie wurde sogar so oft rauf und runter gebetet, dass man es eigentlich gar nicht zu glauben wagte, das Finale der EURO 2020 könnte tatsächlich wieder im Elfmeterschießen entschieden werden. 25 Jahre danach. Wieder in Wembley. Für England war es bei sechs von sieben Spielen ja fast wieder wie eine Heim-EM. Und wieder war für Gareth Southgate eine Hauptrolle vorgesehen.

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England trainierte fast ein Jahr lang Elfmeterschießen

Dieses Mal als Trainer der Three Lions - und er wollte nichts dem Zufall überlassen. Seit September letzten Jahres sollen die Engländer bei jedem Länderspieltreffen Elfmeter geübt haben. Eine gute Vorbereitung schadet schließlich nicht, auch wenn Technik in dieser Form der Entscheidungsfindung nicht alles ist und vor allem die psychologische Komponente im Training nicht simuliert werden kann.

Als der Moment schließlich gekommen war und sich das Finale am Sonntagabend in Richtung Elfmeterschießen schleppte, schien Southgate auch einen klaren Plan zu haben. In der 120. und letzten Minute wechselte er Marcus Rashford und Jadon Sancho ein. Im Laufe des Turniers hatten sich viele Beobachter mehr Einsatzzeiten für diese Spieler gewünscht, aber der Erfolg gab Southgate und seiner Personalpolitik Recht.

Warum, Gareth? Warum?

Jetzt aber werden auch diese beiden Personalien für viele Fragen sorgen. Warum kamen Rashford und Sancho so spät und mussten damit quasi kalt schießen? Warum sollten ausgerechnet zwei Spieler, die Southgate während des Turniers geflissentlich ignoriert hatte, im letzten Moment Hauptrollen bekommen?

Mindestens ebenso fraglich war die Entscheidung, den 19-jährigen Bukayo Saka als letzten Schützen zu nominieren. Den erfahrenen Kapitän des FC Liverpool, Jordan Henderson, hatte Southgate kurz vor dem Schlusspfiff ebenso ausgewechselt wie Kyle Walker.

Trotzdem hätten mit John Stones oder Raheem Sterling noch erfahrene Kräfte auf dem Platz gestanden. Warum tritt dann zum fünften Elfmeter in einem EM-Finale ein 19-Jähriger an?

Warum, Gareth? Warum?

Englands Elfer-Bilanz bei Turnieren: Sieben von neun verloren

Das Wehklagen auf der Insel wird groß sein. Zumal sich das Trauma vom Punkt jetzt noch etwas tiefer in die fußballerische Seele der Engländer graben wird als ohnehin schon.

Bei großen Turnieren hat England in sieben von neun Elfmeterschießen den Kürzeren gezogen. Und zu den zwölf Spielern (WM-Halbfinale 1990: Stuart Pearce, Chris Waddle; EM-Halbfinale 1996: Gareth Southgate; WM-Achtelfinale 1998: Paul Ince, David Batty; EM-Viertelfinale 2004: David Beckham und Darius Vassell; WM-Viertelfinale 2006: Frank Lampard, Steven Gerrard und Jamie Carragher; EM-Viertelfinale 2012: Ashley Young und Ashley Cole), die seit 1990 vom Punkt die Nerven verließen, haben sich in Wembley drei weitere hinzugesellt.

Wie groß ihr Anteil an diesem tragischen Höhepunkt der EURO 2020 ist, wird das öffentliche Gericht der englischen Boulevardpresse in den nächsten Tagen entscheiden. Es ist aber zu vermuten, dass vor allem Southgate 25 Jahre nach seinem Fehlschuss erneut für eine Niederlage verantwortlich gemacht werden wird.