Wir sind die Fans
Dänemarks Spieler schützen ihren kollabierten Teamkollegen Christian Eriksen. (Bild: picture alliance/dpa/Lehtikuva | Markku Ulander)
EM 2021 Aktuell

Höhepunkte und Tiefpunkte der EM

12.07.21 16:07

Vier Wochen Europameisterschaft haben ihre Spuren hinterlassen: Von Highlights und Tiefpunkten und einem Turnier, das im Guten wie im Schlechten einzigartig war.

Vier Wochen Europameisterschaft haben ihre Spuren hinterlassen: Von Highlights und Tiefpunkten und einem Turnier, das im Guten wie im Schlechten einzigartig war.

  • Die Höhepunkte und Tiefpunkte der Europameisterschaft

  • Unterhaltung, Ballbesitzfußball, die Italiener, take a knee

  • Entfesselte Fans, die skrupellose UEFA und eine deutsche Mannschaft am Boden

Höhepunkte und Tiefpunkt: Die bewegendsten Geschichten der EM

Die erste paneuropäische EM ist vorbei. Vier Wochen lang hat sie uns in ihren Bann gezogen, das müssen auch die Kritiker der Veranstaltung wohl zugeben. Aber was war das denn nun für ein Turnier mit seinen 24 Mannschaften und den über den Kontinent verstreuten Spielorten? Mit den vielen Geschichten auf und abseits des Platzes und so viel Politik wie noch nie zuvor im Rahmen einer Sport-Großveranstaltung. Die Höhepunkte und die Tiefpunkte eines bemerkenswerten Wettbewerbs.

DIE HIGHLIGHTS

Ballbesitzfußball lebt : Dominantes Spiel, viel Ballbesitz, ein gutes Positionsspiel: Das alles wurde von einigen der großen Nationen in den letzten Jahren dem Diktat des Umschaltfußballs geopfert. Portugal und Frankreich holten die beiden letzten großen Titel mit reaktivem Defensivfußball, England stand mit einem ähnlichen Ansatz kurz vor dem Triumph. Dass am Ende aber Italien Europameister ist und Spanien mit den schönsten Fußball spielte, darf auch als Signal durchgehen: Kreativität und die Lust am Spielen können sich auszahlen. Der Ballbesitzfußball schlägt zurück.

Italiens Wiederauferstehung : Überhaupt die Italiener: Waren vor drei Jahren mausetot, nicht fähig, sich für die WM zu qualifizieren. Das alte Konzept von Catenaccio und Zynismus hatte sich selbst abgeschafft und zum Glück für die Azzurri war zufällig Roberto Mancini auf dem Markt. Mit dem kam die Wende, Mancini baute nicht nur eine erfolgreiche, sondern auch beneidenswert kreative Mannschaft. Innerhalb kürzester Zeit, fast schon rekordverdächtig. Eine Sensationsleistung.

Wir hatten Spaß : Es war eine lange Saison und es gab genug Fans, die auf diese EM gut und gerne hätten verzichten können. Aber nach und nach fanden dann doch alle wieder zurück zum schönsten Spiel der Welt. Die EM bot guten Fußball, schrieb große Geschichten, es war immer was los, es waren wieder Fans in den Stadien, die Dramaturgien der K.o.-Spiele waren fast schon kitschig überdreht.

Die Dänen und ihr Schicksal : Im großen Schockmoment des Turniers wurde unfreiwillig die Mannschaft des Turniers geboren. Christian Eriksens Kollaps wird den meisten wohl für immer im Gedächtnis bleiben, die Ohnmacht in den Minuten danach, das Hoffen und Bangen. Und wie dessen Teamkollegen sich schützend vor Eriksen stellten, wie sie danach nach zwei Niederlagen zurückkamen ins Turnier und beinahe ins Finale. Das war - sportlich wie menschlich - einfach nur überragend stark.

Goretzka-Herzchen und take a knee : Viel gab es ja nicht zu lachen aus deutscher Sicht. Aber diese eine Szene war dann doch herzerwärmend: Wie Leon Goretzka seine Mannschaft ins Achtelfinal schießt und seinen ganz speziellen Gruß an die ungarischen Fans hinterm Tor losschickt. Eine politische Geste mit Köpfchen. Mit dem Kniefall demonstrierten viele Nationen ihre Attitüde und man kann wohl sagen: Das hat sich durchgesetzt. Die Pfiffe bei take a knee wurden im Laufe der EM immer weniger. Vielleicht überdauert diese Geste ja das Endturnier...

Einige deutsche TV-Experten : Natürlich gab es immer noch genug Stammtisch-Geplauder in allen möglichen Formaten. Aber mittlerweile gehört es selbst in Deutschland zum guten Ton, sich dem Fußball nicht nur so unterkomplex zu nähern wie so mancher Ex-Nationalspieler oder Funktionär. In der ARD, im ZDF und bei MagentaTV wurden viele schlaue Dinge gesagt, Christoph Kramer, Almuth Schult oder Michael Ballack hatten starke Auftritte und gemäß ihrer Jobbeschreibung als "Experten" auch wirklich Wichtiges und Erhellendes beizutragen. Gerne mehr davon!

DIE TIEFPUNKTE

Die UEFA und ihre Skrupellosigkeit: Bei aller Begeisterung über die EM muss man auch die Schattenseiten im Kopf behalten und damit unweigerlich die UEFA. Wie die sich in der Causa Eriksen verhalten hat, wie sie mit größtem Druck Zuschauer in den Stadien förmlich befahl, wie sich UEFA-Boss Aleksander Ceferin mit diktatorischen Machthabern ablichten ließ und der Verband auf Biegen und Brechen und ohne Rücksicht auf Verluste sein Ding durchzog, war zumindest verstörend. Auf elf Spielorte während einer Pandemie zu bestehen, war verantwortungslos und gefährdet(e) die Gesundheit vieler Menschen.

Der Kontrollverlust der Politiker : Volle Stadien in Ungarn, teilweise weit über 60.000 Fans bei den K.o.-Spielen in London: Viktor Orban und Boris Johnson gingen mit ihren Erlassen volles Risiko. Johnson setzte auf die "Eigenverantwortung" seiner Landsleute und musste rund ums und beim Finale teilweise dramatische Szenen erdulden. Zehntausende feierten in London, es gab einen Sturm auf das Stadion, an einigen Plätzen der Stadt sah es aus, als hätte ein Tornado gewütet. Die Folgen der zügellosen Feiern werden gerade im Hochinzidenzland England in einer oder zwei Wochen erst so richtig zu sehen sein. Dann ist die EM zwar längst Geschichte - das Virus aber immer noch da.

Der Greenpeace-Typ : Total lustige Idee, in ein mit Scharfschützen bewachtes Fußballstadion mittels Motorsegler zu fliegen. Dass dabei dann auch fast zwei Menschen schwer zu Schaden gekommen wären: Ein Kollateralschaden. So oder so ähnlich muss man sich das wohl vorstellen, was sich die Umweltschützer von Greenpeace bei ihrer selten dämlichen Aktion gedacht haben. Die Entschuldigung danach, der Pilot wollte nur etwas abwerfen, aber nie im Stadion landen, war da fast noch jämmerlicher als das Manöver als solches.

Die deutsche Nationalmannschaft : Es sollte ein letzter großer Angriff werden, der gute Abschied einer Ära. Aber für Joachim Löw und seine Mannschaft endete das Turnier in einer bösen Enttäuschung. Deutschland hat den Anschluss verloren an die Weltspitze, das sollte spätestens jetzt allen klar sein. Die letzten fünf Jahre hat sich die Mannschaft zurück entwickelt, während die Konkurrenz mit großen Schritten an der DFB-Auswahl vorbeigezogen ist. Das ist die bittere Wahrheit.

Der Rückfall : So schön die vielen Gesten gegen Rassismus und für Vielfalt auch waren - in der Stunde der größten Enttäuschung kriechen alle schlimmen Ressentiments wieder aus ihren Löchern hervor. Die farbigen englischen Spieler Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka sahen sich unmittelbar nach ihren verschossenen Elfmetern im EM-Finale rassistischer, teilweise menschenverachtender Kritik in den sozialen Medien ausgesetzt. Es ist offenbar doch noch ein langer Weg zu gehen...