Wir sind die Fans
Italien ist Europameister: Ein Triumph für das ganze Land. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Laurence Griffiths)
EM 2021 Aktuell

Italien ist Europameister: Ein Triumph für das ganze Land

12.07.21 09:07

Italien holt sich den EM-Titel, da Nationaltrainer Roberto Mancini eine besondere Mannschaft geformt hat – nicht nur fußballerisch.

  • Italien krönt sich nach 1968 wieder zum Fußball-Europameister

  • Nationaltrainer Roberto Mancini widmet den Triumph dem ganzen Land

  • Teamgeist und Zusammenhalt brachten die Italiener auf den europäischen Fußballthron

Roberto Mancini konnte und wollte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Bei jeder Umarmung auf dem legendären Rasen von Wembley kullerten Italiens Nationaltrainer mehr davon über das Gesicht. Sein Traum, den er seit vielen Jahren verfolgt, war Wirklichkeit geworden. Italien hat sich am Sonntagabend im Wembleystadion den Europameister-Titel gesichert – 53 Jahre nach dem letzten EM-Triumph einer italienischen Mannschaft.

Es war ein verdienter Sieg der Mancini-Mannschaft, die über weite Phasen des Turniers mit einem erfrischenden Offensivfußball begeisterte und auf dem Weg zum Titel große Namen aus dem Weg räumte: den Weltranglistenersten Belgien, die starken Spanier und zur Krönung die Engländer in deren Fußballtempel Wembley. "Wir haben den Sieg verdient ", sagte Mancini, "wir haben etwas unglaubliches geschaffen."

"Nach einem Jahr Pandemie haben wir uns das verdient"

Kapitän Giorgio Chiellini und sein Abwehrpartner Leonardo Bonucci, der das 1:1 erzielt und auch im Elfmeterschießen getroffen hatte, feierten euphorisiert auf dem Rasen und betonten dabei: "Nach einem Jahr Pandemie haben wir uns das verdient." Mit uns meinten die beiden Verteidigungsminister nicht nur sich oder das Team – sondern ganz Italien.

Europameister: Italien stürzt England ins Tal der Tränen

Mancini hatte vor und während des Turniers mehrfach darauf hingewiesen, dass er den Italienern mit seiner erfrischend und mutig auftretenden Mannschaft Freude bereiten und etwas zurückgeben wollte, nach dem schweren Jahr, das hinter dem Land liegt.

Nationaltrainer Roberto Mancini hat eine besondere Mannschaft geformt. (Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Carl Recine)

Nationaltrainer Roberto Mancini hat eine besondere Mannschaft geformt. (Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Carl Recine)


Schon den Halbfinalsieg über Spanien hatte der Nationaltrainer "allen Italienern" gewidmet, "auch für das, was sie durchgemacht haben." Italien war eines der Länder, das weltweit am härtesten von Coronavirus getroffen worden war. Die Bilder des Lkw-Konvois der italienischen Armee, der Särge aus Bergamo abtransportierte, gingen um die Welt.

Für Mancini schloss sich in Wembley auch persönlich ein Kreis. 1992 hatte er dort als Spieler von Sampdoria Genua das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister gegen den FC Barcelona verloren. Damals auch schon an seiner Seite: Gianluca Vialli, der heutige Delegationschef der Squadra Azzurra. Mancinis erste Umarmung war für Vialli. "Heute Abend haben Gianluca und ich das zurückbekommen, was wir damals verpasst haben", sagte Mancini. Die beiden kennen sich, seit sie 15 sind – Mancini sagt, sie seien wie Brüder.

"Gianluca Vialli ist etwas Besonderes für uns"

Und als solche machten sie in den vergangenen Jahren eine schwere Zeit durch. Vialli hatte vor zweieinhalb Jahren öffentlich gemacht, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt ist, er hat mehrmonatige Chemotherapien hinter sich. "Der Krebs ist ein unerwünschter Reisebegleiter, der einfach zu mir in den Zug gestiegen ist", sagte Vialli in der Dokumentation "Sogno azzurro", ein hellblauer Traum. "Ich muss weiterfahren und darf niemals aufgeben, immer in der Hoffnung, dass dieser ungebetene Gast eines Tages müde wird." Viallis Schicksal inspirierte Italiens Nationalspieler. Jeder solle wissen, "dass wir ein Vorbild haben, das uns jeden Tag vormacht, wie man leben muss, wie man sich in den unterschiedlichsten Lebenssituationen zu verhalten hat", betonte Außenverteidiger Alessandro Florenzi nach dem EM-Triumph. "Das ist Gianluca Vialli. Er ist etwas Besonderes für uns."

Stadionsturm und Randale: England-Fans sorgen für Chaos

Neben den spielerischen Fähigkeiten brachten Teamgeist und Zusammenhalt die Italiener auf den europäischen Fußballthron. Auch das wurde im Moment des Triumphes noch einmal deutlich. Der erste, der sich die Siegermedaille abholte, war Leonardo Spinazzola – und das auf Krücken. Der Linksverteidiger, der ein herausragendes Turnier spielte, hatte sich im Viertelfinale gegen Belgien einen Achillessehnenriss zugezogen. Nach seiner Operation war auch er in das Teamflugzeug gestiegen, das den italienischen Tross nach London brachte. Das Lächeln von Spinazzola, der nach der Pokalübergabe mit "Spina, Spina"-Chören des ganzen Teams gefeiert wurde, war in diesem Moment jenes vieler Italiener, die mit dieser Mannschaft mitgefiebert haben.